Kanzelrede in Heersum

Nachricht Heersum, 01. März 2026

Lies in Heersum: „Ich erwarte, dass sich Kirche einmischt“

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Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies war als Kanzelredner in der Urbani-Kirche in Heersum zu Gast. Foto: Michael Vollmer

Niedersachsens Ministerpräsident predigt auf Einladung der Urbani-Gemeinde in der dortigen Kirche. Für seine halbstündige Kanzelrede gibt es anschließend viel Beifall.

 

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Zusammen mit Pastorin Judith Montowski und dem Kirchenvorstand zieht Ministerpräsident Olaf Lies in die Heersumer Urbani-Kirche ein. Foto: Michael Vollmer

Nicht selten ist in der Urbani-Kirche in Heersum Prominenz zu Gast. Auf der langen Liste stehen zum Beispiel Namen wie Christian und Bettina Wulff, Stephan Weil, Margot Käßmann, Martin Kind oder Sigmar Gabriel. Die Reihe der Heersumer Kanzelreden hat am Sonntag Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) fortgesetzt. „Es ist für die Gemeinde eine große Freude, Olaf Lies in unserer Kirche begrüßen zu können“, sagte Pastorin Judith Montowski zu Beginn des Gottesdienstes, der vom Bläserchor Heinde, dem Gemischten Chor Heersum und Hans-Henning Bleckmann an der Orgel musikalisch umrahmt wurde.

Lies stellte das Verhältnis von Kirche und Demokratie sowie die besondere Rolle der Kirche in den Mittelpunkt seiner Kanzelrede. Für ihn sei es eine besondere Ehre, an dem zweiten Fastensonntag mit der Gemeinde innehalten zu können und einige Gedanken zu teilen. Es gäbe gerade in der heutigen Zeit genügend Themen, die Politik und Kirche gemeinsam angehen können. „Bei nicht wenigen müssen Kirche und Politik zusammenstehen, um die Herausforderungen dieser Zeit gemeinsam bestehen zu können“, sagte der Ministerpräsident.

Als einen Punkt beschrieb Lies die Erreichbarkeit von Menschen. Allzu gut wisse er aus seiner Heimat, dass Kirchen nicht immer so gut besucht sind. „Die Herausforderungen sind groß, wenn wir Menschen erreichen wollen“, sagte der Gast. Da sei der gemeinsame Austausch von großer Bedeutung. „Kann Glaube etwas Verbindendes sein oder ist Glaube etwas Trennendes? Ich glaube, dass es etwas sehr Verbindendes ist. Er setzt auf Gemeinschaft, Zusammenhalt, Werte und Normen genauso wie auf Identität und Zugehörigkeit“, so Lies.

Der Ministerpräsident nannte zwei Zahlen, die aus seiner Sicht deutlich machen, warum es wichtig ist, miteinander zu reden. „Etwa 90 Prozent der Bevölkerung liebt die Demokratie. Erschreckend ist die zweite Zahl. Es sind nur 52 Prozent, die davon überzeugt sind, dass unsere Demokratie handlungsfähig ist. Das ist fatal. Deshalb müssen wir diesen Zusammenhalt bringen, müssen sagen, wie wichtig Demokratie ist. Aus diesem Grund bin ich auch so dankbar, dass die großen Kirchen in Niedersachsen und in ganz Deutschland öffentlich zur gemeinsamen Verantwortung für unsere Gesellschaft und unseren Staat stehen“, machte der Landesvater deutlich.

Lies blickte auch auf das Engagement der vielen ehrenamtlich Tätigen. So könnten Menschen nicht nur erreicht, sondern in einer oftmals schwierigen Situation auch geholfen werden. Lies widersprach der Auffassung mancher Menschen, die Kirche solle sich nicht in politisch-gesellschaftliche Debatten einbringen. „Ich erwarte, dass sich Kirche einmischt“, betonte der Gast. Die Kirche sei beim Blick auf die Flüchtlingskrise 2015 und dem Krieg in der Ukraine ein Vorbild verlässlicher Partner des Staates bei der Bewältigung der sozialen Herausforderung.

Für seine halbstündige Kanzelrede gab es anschließend viel Beifall. „Die Rede war erfrischend lebendig. Sie spannte einen guten Bogen der Parallelität zwischen Politik und Kirche“, meinte der Heersumer Heinz-Peter Gerber anschließend. Für Andreas Böcher hat der Ministerpräsident den Nerv getroffen. „Jeder Satz war es wert zuzuhören“, sagte der Gottesdienstbesucher. Besonders hätten ihn seine Worte zu den Themen Gemeinsamkeit, Ehrenamt und Zuversicht angesprochen.

Zum Abschied überreichte Kirchenvorsteher Mathias Klein dem Kanzelredner ein Geschenk. „Es ist die letzte Tasche, die zum Ortsjubiläum von Heersum hergestellt wurde. Die kann auch gerne zum Transport von Akten benutzt werden“, meinte Klein. Beim anschließenden Empfang in der Alten Schule nutzten viele Heersumer noch die Möglichkeit, mit dem Gast ins Gespräch zu kommen. Da ging es auch plötzlich noch um ein ganz anderes Thema abseits der Kirche, das den Menschen in der Region unter den Nägeln brennt. Es müsse nun endlich mal der Radweg zwischen Holle und Grasdorf gebaut werden, gaben sie ihm mit auf den Rückweg in seinen Heimatort.

 

Michael Vollmer, HAZ 02.03.2026